1898 BS Erste Motorfahrzeug-Kennzeichen der Schweiz

1898 BS Erste Motorfahrzeug-Kennzeichen der Schweiz

 

Im Gegensatz zu den Fahrrädern gibt es bisher für Motorfahrzeuge in der ganzen Schweiz keine Kontrollschilder und im Gegensatz zu den Radfahrern bezahlen die Halter von Motorfahrzeugen bisher auch keine Taxen. Vier Jahre nach der Einführung der Nummern für Fahrräder beschliesst der Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt am 11. Mai 1898, dass auf Grundlage der “Verordnung über das Radfahren” von 1894 [DOKUMENT] auch für sämtliche Motorfahrzeuge obligatorisch eine Karte und eine Nummer eingeführt werden. Nachdem der Motorfahrzeugverkehr nun langsam zunimmt, sollen auch deren Halter offiziell identifiziert werden können und Taxen bezahlen. Bis die dazu erforderliche Verordnung erarbeitet und in Kraft ist, wird es jedoch noch mehr als zwei Jahre dauern (13.10.1900). Aus diesem Grund greift die Regierung zu einer Sofortmassnahme in Form eines Regierungsratsbeschlusses [DOKUMENT].

Egal ob Fahrrad oder Personenwagen; die Taxe beträgt nun für alle Fahrzeuge einheitlich CHF 2.00. Ein differenziertes Taxen-System wird in Basel-Stadt erst 1900 eingeführt.

Dieser Regierungsratsbeschuss wurde bisher völlig falsch ausgelegt. Die meisten Sammler waren spätestens seit einem Wikipedia-Eintrag vom 12. Juli 2011 im Artikel «Kontrollschild (Schweiz)», Kapitel «Geschichte», der Auffassung, dass in Basel-Stadt 1894 für Velos und Motorfahrzeuge dieselben Kennzeichen verwendet wurden: «1894 schrieb der Kanton Basel-Stadt vor, dass Velokennzeichen auch an Motorfahrzeugen anzubringen sind» [28. Juli 2023 Archiv] …

Die Auflösung dieses Irrtums finden Sie hier: Geschichte der Schweizer Fahrradkennzeichen

Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt, PD-REG Handel und Gewerbe GGG 1.5. “Velokontrollen”
Quelle: Staatsarchiv Basel-Stadt, PD-REG Handel und Gewerbe GGG 1.7. “Automobilkassenbuch”

Das Foto des Autokennzeichens Nr. 20 aus dem Kanton Basel-Stadt stammt aus dem Buch «Als die Autos laufen lernten» (Seiten 26 und 27)», herausgegeben von der «Editions Pantheon Basel». Das Kontrollschild ist auf einem «Popp», Baujahr 1898 montiert. Dieses Auto wurde nach seinem Konstrukteur, dem Basler Lorenz Popp, benannt, welcher die Benz-Automobile für die Schweiz importierte. Von 1898 bis 1900 baute er, finanziert von E. Burkhardt, zwei Kohlenwasserstoff-Motorwagen, Eigenkonstruktionen nach dem Vorbild der Benz Fahrzeuge, und präsentierte sie vom 15. April bis 12. November 1900 an der Weltausstellung in Paris.

Aus dem Eintrag Nummer 20 im «Motorwagen / Automobilkassenbuch» wird also klar, dass eben dieser Lorenz Popp, am 3. Februar 1899 einer seiner beiden Kohlenwasserstoff-Motorwagen im Kanton Basel-Stadt hat registrieren lassen. Damit steht fest, dass dieses Kennzeichen immer noch das ursprünglich damit eingelöste Fahrzeug ziert, welches heute im Verkehrshaus der Schweiz steht. Mit hoher Sicherheit handelt es sich bei diesem Kennzeichen auch um das älteste erhaltene Auto-Kontrollschild der Schweiz!

Wenn wir dem Rest des oben zitierten Wikipedia Eintrags folgen, ist Basel-Stadt damit auch der erste Kanton der Kontrollschilder für Motorfahrzeuge ausgibt; nicht wie dort beschreiben der Kanton Luzern im Jahr 1901. Einheitliche Kontrollschilder für Motorfahrzeuge für die ganze Schweiz werden (gemäss Wikipedia) im Jahr 1905 eingeführt (schwarze Schilder mit weisser Schrift).

Zur Ehrrettung von uns Sammlern und von Wikipedia sei noch darauf hingewiesen, dass es in der Schweiz mindestens einen Kanton gibt, der kurze Zeit eine identische «Ausweiskarte für Rad- oder Motorwagenfahrer» ausgibt. Diese besondere Lösung praktiziert der Kanton Nidwalden ab dem 1. Oktober 1900 mit der Inkraftsetzung der «Verordnung über das Rad- und Motorwagenfahren» [DOKUMENT].

Photo: Verkehrshaus Schweiz, Als die Autos laufen lernten by Editions Pantheon Basel